Andere Ikonen?

Zur Botschaft der Heiligtümer

Die beiden Adventsgestalten Johannes und Maria, die beiden Heilsereignisse Geburt und Tod Christi, das ist es, worauf sich die Aachenfahrt konzentriert. Es ist also nicht der Ort des Lebens, Wirkens und Sterbens einer großen Zeugengestalt, eines Heiligen oder ein besonderes Ereignis, etwa eine Erscheinung, was da die Pilgerscharen anzieht, sondern die Grundbotschaft des Evangeliums selbst. Allerdings eben die „materialisierte“ Grundbotschaft. Das Wort, das Fleisch wird, nimmt Tuchfühlung mit den Menschen, und es gibt die Sehnsucht, in Tuchfühlung mit dem „Einmal-für-alle-mal“ des Kommens Jesu zu treten. Diese Tuchfühlung, dieses Angerührtwerden von der Nähe Gottes zu unserem Leben und in unserem Leben, wie es ist, drängt danach, daß wir Tuchfühlung nehmen mit dem Herrn im Nächsten, im Geringsten, im Miteinander; dies trat recht elementar bei der Heiligtumsfahrt 1979 in den Vordergrund.

Die an den Heiligtümern orientierten Tagesthemen des Katholikentags 1986 führen eine solche Auslegung weiter: Der Zukunft Zeugnis geben (Johannes der Täufer) – Der Zukunft Leben geben (Maria) – Die Zukunft ist schon geboren (Geburt Jesu) – Die Zukunft siegt am Kreuz (Tod Jesu).

Die Rückfrage drängt sich auf: Ist solche Grundkatechese nicht ablösbar von den „Materialien“? Natürlich ist sie dies. Aber der Sprung vom Möglichen zum Wirklichen, vom immer Gültigen zum jetzt Betreffenden ist nie notwendig und ableitbar, sondern Ereignis. Und die lange und große Pilgertradition, aber auch die Schlichtheit und Armut der Zeichen, an denen sie sich entzündet, haben diesen Rang des auslösenden Ereignisses, des Faktischen, das nicht durch den Disput auf- und abgelöst werden kann.

Es wäre dennoch zu wenig, womöglich mit entschuldigender Gebärde die Aachener Heiligtümer als bloße „Anlässe“ für das „Eigentliche“ in den Hintergrund zu schieben.

Vielleicht kommen wir dem, was solche Heiligtümer sind, durch das menschliche, religiöse, christliche Grundphänomen der Ikone ein wenig näher auf die Spur. Es ist hier nicht der Raum, eine Philosophie oder Theologie der Ikone zu entwerfen. Wohl aber darf, verkürzt und verschärft, darauf hingewiesen werden: Im Bild, in der Gestalt strahlt das Urbild auf, setzt es sich gegenwärtig. Es ist nicht nur eine Nachahmung, sondern ein Ergriffen- und Gestaltetsein vom Ursprung, was da im Bild aufleuchtet und sich mitteilt. Wer das Bild entehrt, der entehrt den, dessen Bild es ist. Die bildlose Größe des sich allem Zugriff entziehenden göttlichen Ursprungs und jenes Geheimnis der Liebe, die sich entäußert, erniedrigt, ins Medium der Mißdeutbarkeit und Entehrbarkeit hineingibt (bis zum Haupt voll Blut und Wunden als der Ikone des Vaters schlechthin) – beides gehört unlöslich zusammen. Bilderstreit ist nicht umsonst ein erregendes Grundthema in den verschiedenen Epochen christlicher Geschichte, jeweils mit anderem, der jeweiligen Epoche eigenem Akzent.

Ikone freilich ist nur dort, wo im Entstehen des Bildes (historisch, aber auch im Sinne der inneren Konstitution des Bildes verstanden) oder im Verhältnis zum Bild (in seiner Geschichte, in seiner Verehrung) das Übergewicht des Sich-Zeigens, des Sich-Schenkens, der Zueignung vor dem Machen, Herstellen und Verfügen durchschlägt.

Wir müssen heute wohl damit rechnen, daß es über die alten, aus ehrwürdiger und unerstorbener Tradition her gegenwartsmächtigen Ikonen hinaus andere gibt: Gestalten, in denen sich Begegnung mit dem Kreuz Christi, mit seiner Liebe, mit seiner Erniedrigung ereignet, Spuren und Bilder menschlicher Geschichte, die uns versiegeln unter dem Geheimnis der Anbetung und der Sühne.

Dürfen wir von hier aus nicht auch Heiligtümer wie diese armen Stücke Stoff, die in Aachen seit 1200 Jahren gehütet und geliebt werden, als Erinnerungszeichen an Gottes Menschwerdung, im Sinne von Ikonen verstehen? Die Botschaft ist in ihnen da und strahlt in ihnen. Aber welches ist der begründende Bezug solcher Gegenwart der Botschaft, solcher Gegenwart des Ursprungs in den Aachener Zeichen?