Theologie in Fragmenten

Zur Sprachgestalt

Wenden wir uns zunächst der Sprachgestalt Baaderschen Denkens zu. Was fällt beim Überblick über den Bestand an Ausdrucksmitteln, was beim Versuch auf, den Gang, die Dynamik mitzuvollziehen, die diese Ausdrucksmittel ins Verhältnis zueinander setzen?

Für den „Bestand“ des Baaderschen Werkes ist sowohl sein Gliederungsprinzip im großen wie auch sein Instrumentarium im einzelnen charakteristisch. Baaders Gliederungsprinzip berührten wir bereits: er schreibt grundsätzlich Fragmente. Auch Vorlesungen, Abhandlungen, längere Schriften unter einem sachbezogenen Titel bestätigen dies. Gerade bei solchen Werken überrascht das Verhältnis zwischen Überschrift und Inhalt, überrascht die Gliederung des Inhalts, überraschen Einsätze und Absprünge der Gedankenführung.

Was das Ganze seines Œuvre zusammenhält oder gerade auseinandersprengt, spiegelt sich im kleinen und einzelnen: Baaders Sprechen konzentriert sich um Formeln, Schemata, Bilder. Sie bilden die Achse, um die der Gedanke jeweils kreist, in die hinein er sich „aufhebt“ oder die er als – freilich oft antithetische – Absprungbasis wählt. Vorgeprägte, umgeprägte oder auch selbst geprägte Formeln[1] kehren immer wieder, durchziehen in Fülle und konstanter Regelmäßigkeit den Sprachfluß. Neben solchen Formeln, ja eher noch vor ihnen aber sind es die geome- [163] trischen Schemata,[2] die, aufgezeichnet oder beschrieben, den Rhythmus seines Sprachvorgangs bestimmen. Schließlich sind es eben die mythischen Bilder,[3] in die immer wieder die Spekulation zurückläuft oder die diese Spekulation anregen.

Der Versuch, den Bestand an Ausdrucksmitteln darzustellen, führt bereits von selbst hinüber in den Gang, in die Dynamik dieses Sprechens. Sie läßt sich am knappsten umreißen mit den beiden Worten „Sprung“ und „Verbindung“. Sowohl der fragmentarische Charakter des Gesamten wie auch die ständige Einbeziehung von Formel, Schema und mythischem Bild in die spekulative Erörterung haben zur Folge, daß dem verstehenden Mitgehen kaum geknüpfte Fäden abgerissen und daß ihm andererseits stets neue Fäden zwischen entlegensten Punkten geknüpft werden. Hat man immer wieder den Eindruck, Baader halte nicht beim selben Gedanken aus, so entspricht dem nicht weniger oft das Erstaunen darüber, wie Disparates sich in der Tat durch Baaders Denken und Sprechen in einen Zusammenhang fügt.

Auch im dialogischen Außenbezug, der für Baaders Denken geradezu konstitutiv ist, zeigen sich die Entsprechungen zum Dargelegten. Der „Bestand“ dieses Außenbezuges, Zitat und Exegese[4] unterschiedlichster Texte, nehmen einen so breiten Raum im Stil Baaders ein, daß weite Partien seines Werkes dem oberflächlichen Hinsehen eher als Florilegium und Glossarium denn als eigenständige Produktion erscheinen könnten. Der Blick darauf, wie das Zitat als Absprung, überraschende Bestätigung oder Kontrast benutzt wird und wie „Exegese“ Übersetzung in die je anderen Horizonte eigenen Verstehens oder auch „Abhebung“ in den eigenen Ansatz bedeutet, klärt diesen oberflächlichen Anschein auf. Auch der Umgang mit anderen Gedanken fällt bei Baader also unter die Grunddynamik Sprung – Verbindung.

Dies heißt freilich nicht, daß Baader nicht eine wirkliche Auseinandersetzung mit anderem Denken betreibt. Diese ist für ihn vielmehr ein geistiges Lebenselement. Sie verläuft aber wiederum in – zumindest scheinbar – gegenläufigen dynamischen Gestalten; denn einerseits führt Baader auf breiteste Strecken hin eine scharfe, brillante bis derbe Polemik und gewinnt andererseits im Umgang mit anderen Gedanken feinste Schattierungen, führt Einseitigkeiten zu reichen und behutsamen Differenzierungen hin.