Theologie als Nachfolge

Zusammenhang von Welt und Wissenschaft

Die Welt ist Welt in ihrem Aufgang in den Menschen, der Mensch ist Mensch in seinem Ausgang in die Welt. Diese Verknotung der bonaventuranischen Wege durch die Welt erklärt, weshalb nicht nur Welt als objektiver Bestand, sondern menschliches Wissen von der Welt, systematisch betriebenes Wissen als Wissenschaft für Bonaventura von hohem Interesse ist, aber eben von Interesse in der Orientierung auf den dritten Pol des Gefüges zu, in welchem Welt und Mensch innestehen: auf Gott zu. Theologie erhält die Aufgabe, eine Wissenschaftslehre zu entwickeln; Wissenschaft wird auf ihre theologische Ermöglichung und ihren theologischen Stellenwert befragt. So aktuell diese Problemstellung ist, die Lösungen, die Bonaventura anbietet, rücken noch weiter als seine unmittelbare Reflexion über die Welt von unserem Denk- und Erfahrungshorizont hinweg. Mittelalterliche und neuzeitliche Wissenschaft sind ohnehin kaum auf denselben Nenner zu bringen; Bonaventura aber macht uns erst recht ratlos mit seinen kunstvollen Querverbindungen der Wissenschaften untereinander und ihrem Verständnis als Spiegelung der Grundinhalte und Grundmethodik von Theologie. Die beiden Partien in seinem Werk, die sich besonders eindringlich mit der Thematik der „Wissenschaftslehre“ beschäftigen, die kleine Schrift De reductione artium ad theologiam, von der Rückführung der Künste auf die Theologie, und der Abschnitt am Anfang des Hexaemeron über Christus als die Mitte der Wissenschaften,1 lassen über ihre kunstvolle Fügung staunen, informieren über manche Aspekte damaliger Wissenschaft, aber sie prallen an unserem heutigen Methodenbewußtsein als scheinbar unerheblich ab.

Wir wollen uns dennoch auf die Vermittlung einiger Grundaspekte einlassen, und dies gerade im Blick auf die heutige Wissenschaft, auf die Fragen und Anforderungen, die sie an unser Menschsein stellt. Solche Vermittlung erfordert freilich noch mehr als bei anderen Stücken eine Übersetzung, eine Konzentration [120] aufs für uns Wesentliche, ein Gespräch, das sich nicht in Exegese erschöpft.


  1. Vgl. außerdem die Skizze einer trinitarischen Wissenschaftslehre in Itinerarium III, 6f. ↩︎